Impression von Klassik am See

Die Werke

I. Konzertteil:
Alexander Borodin: Polowetzer Tänze
Peter Tschaikowski: Konzert für Violine und Orchester

II. Konzertteil:
Nikolai Rimski-Korsakow: Scheherazade

Der Aufstieg Russlands zu einer musikalischen Großmacht ist unweigerlich mit dem „Mächtigen Häuflein“ verbunden – und mit Peter Tschaikowski als dessen Gegenspieler. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war das russische Musikleben von ausländischen Importen geprägt: Am Zarenhof wirkten Komponisten, Operndirektoren, Musiklehrer und Choreographen aus Italien, Frankreich oder Deutschland. Wer es wie Michail Glinka wagte, sein Werk mit heimatlicher Folklore zu würzen, galt als Außenseiter, der bloß „Kutschermusik“ schrieb.

Diese Haltung änderte sich erst mit dem Auftreten des „Mächtigen Häufleins“: So wurde eine Gruppe von fünf jungen Komponisten und Musikschriftstellern genannt, die vehement für die Unabhängigkeit der russischen Musik vom Westen eintrat. In ihrem Schaffen gingen Dilettantismus und Genialität eine seltsame Mischung ein. So übten sie alle einen nichtkünstlerischen Hauptberuf aus und widersetzten sich mit der Ausnahme Nikolai Rimski-Korsakows auch jeder akademischen Musikerausbildung. Andererseits bewiesen zumindest drei von ihnen, Rimski-Korsakow, Alexander Borodin und Modest Mussorgski, in ihren Werken eine urtümliche Gestaltungskraft, die noch lange nachwirkte.

An Weltgeltung war ihnen ihr Zeitgenosse Peter Tschaikowski freilich überlegen. Er hatte seine Ausbildung ganz konventionell im Petersburger Konservatorium genossen und knüpfte kompositorisch an mitteleuropäische Vorbilder an. Während sich das „Häuflein“ durch die russische Volkskunst inspirieren ließ und exotische Sujets bevorzugte, pflegte Tschaikowski die traditionellen Gattungen der Orchester- und Kammermusik. So spricht auch die vorliegende Programmzustellung für sich: auf der einen Seite das Violinkonzert Tschaikowskis, das die Linie der großen Werke Beethovens, Mendelssohns und Brahms’ weiterführt – und auf der anderen Seite Borodins Tänze und Rimski-Korsakows Suite, die klanglich weit nach Osten entführen.

Dass ein Peter Tschaikowski schon zu Lebzeiten zum Antipoden des „Mächtigen Häufleins“ ausgerufen wurde, darf also nicht verwundern. Allerdings war das Verhältnis des Einen zu den Fünfen kompliziert. Tschaikowski schätzte gerade Borodin und Rimski-Korsakow als Kollegen sehr hoch, wie umgekehrt einige Werke des „Westlers“ durchaus das Gefallen des „Häufleins“ fanden. Schließlich ist auch Tschaikowskis Schaffen von zahlreichen folkloristischen Einsprengseln oder zumindest von einem unverkennbar russischen Ton geprägt. Sein Violinkonzert etwa klang deutschen Kritikern anfangs viel zu rau und fremdartig. Diese Berührungsängste sind Vergangenheit; längst hat sich die russische Musik des 19. Jahrhunderts, allen voran die Werke Borodins, Tschaikowskis und Rimski-Korsakows, ihren Platz im Konzertsaal gesichert.